IDAHIT* Konzept & Forderungen

IDAHIT*-Konzept

Auch dieses Jahr wollen wir am 17. Mai, dem Internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Trans*- und Interfeindlichkeit, die Aufmerksamkeit der Leipziger*innen auf das nach wie vor notwendige Engagement gegen die Ungleichbehandlung und für die Sichtbarkeit von LSBTIAQ* (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans*- und Interpersonen, asexuelle und queere Menschen) lenken.

Dazu rufen wir auf zur gemeinsamen Demonstration am 17. Mai um 16:00 am Alexis-Schumann-Platz auf. Dieses Jahr möchten wir zwei Akzente setzen: Zum einen wollen wir die Solidarität innerhalb der LSBTIAQ*-Community stärken. Beispielhaft möchten wir dazu die Sichtbarkeit von bisexuellen Menschen erhöhen, die – obwohl namentlich im IDAHIT* nicht enthalten – ganz klar ein wichtiger Teil des Kampfes für die Gleichberechtigung in Bezug auf Begehren, Geschlecht und Körper sind. Dazu laden wir zu einer Diskussionsveranstaltung am 15. Mai um 19 Uhr in den RosaLinde Leipzig e.V. ein. Zum anderen möchten wir zur Solidarisierung mit den Kämpfen anderer marginalisierter Gruppen aufrufen. Vor dem Hintergrund eines umfassenden Rechtsrucks, gerade in Sachsen, ist die Bildung von Allianzen gegen gesellschaftliche Diskriminierungs- und Herrschaftsverhältnisse wichtiger denn je. Am 16. Mai um 19 Uhr zeigen wir den Film „Pride“ in der nato und diskutieren danach gemeinsam mit Prof. Robert Ehrlich, Rektor der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ und Zeitzeuge der Minenstreiks, sowie Kuku Schrappnell, Bewegungstunte und Teil des Emanzipatorischen Blocks Leipzig, die Möglichkeiten und Herausforderungen von breiten Bündnissen.

Jährlich bietet der Tag gegen Homo-, Bi-, Trans*- und Interfeindlichkeit (IDAHIT*) einen Anlass zur Erinnerung daran, dass Homosexualität erst am 17.05.1990 aus dem Krankheitskatalog der Weltgesundheitsorganisation gestrichen wurde und verweist damit gleichzeitig auf die dringende Notwendigkeit weiterer politischer Veränderungen.

Trans*- und Intergeschlechtlichkeit gelten auch 2018 noch als Krankheiten. Während an intergeschlechtlichen Personen oftmals schwerwiegende irreversible Eingriffe ohne medizinische Notwendigkeit noch im Kindesalter durchgeführt werden, um sie in das binäre Geschlechtersystem einzupassen, müssen trans*-Personen viele Hürden überwinden (z.B. Pflicht zu mehreren Gutachten), um Zugang zu geschlechtsangleichenden Maßnahmen und Operationen zu finden. Hinzukommt ein beschwerlicher juristischer Weg, um Namen und Personenstand zu ändern, welcher besonders in Leipzig durch den örtlichen Amtsrichter so schwer wie möglich gemacht wurde. Die kürzliche Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum dritten Geschlechtseintrag, die noch bis Ende des Jahres gesetzlich umgesetzt werden muss, kann in diesem Zusammenhang als ein wichtiger Schritt in Richtung geschlechtliche Selbstbestimmung betrachtet werden.

In Bezug auf Homo- und Bisexualität ist auch mit der Einführung der „Ehe für alle“ noch keine volle Gleichstellung und gesellschaftliche Akzeptanz erreicht. So finden es nach Erhebungen der Mitte-Studien 2016 über 40% der Befragten ekelhaft, wenn sich Homosexuelle in der Öffentlichkeit küssen und „schwul“ ist immer noch eins der am häufigsten gebrauchten Schimpfwörter an deutschen Schulhöfen. Bisexuelle und asexuelle Personen werden oftmals unsichtbar gemacht und müssen auch innerhalb der LSBTIAQ*-Community um ihren Platz kämpfen. Während Asexualität nicht selten pathologisiert wird, wird anderen Menschen, insbesondere Frauen, ein aktives Sexualleben zum Vorwurf gemacht. Hier zeigt sich die Wirkmächtigkeit gesellschaftlicher Normen, deren Abweichung stets mit sozialer Sanktionierung geahndet wird. Besonders prekär ist die Situation geflüchteter LSBTIAQ*, die sowohl von LSBTIAQ*Feindlichkeit als auch von Rassismus betroffen sind und für deren Wohn-, Arbeits- und Aufenthaltsbedingungen oftmals unsicher und gefährlich sind. Hierbei zeigt sich die Verschränkung von verschiedenen Diskriminierungsebenen sehr deutlich, genauso wie der daraus resultierende Handlungsbedarf.

Insgesamt ist die Lebenswelt vieler LSBTIAQ* Menschen von Diskriminierung geprägt, was sich auch auf die materiellen Lebensverhältnisse negativ auswirkt. Sie sind regelmäßig verbaler, psychischer, struktureller und nicht selten körperlicher Gewalt ausgesetzt, was – besonders bei jungen Menschen – zu sozialem und psychischem Stress führt. Während diejenige, die von in Bezug auf Geschlecht, Körper, Sexualität und andere Merkmale von der Norm abweichen Ausschlüsse erfahren, profitieren diejenigen, die der Norm entsprechen – und stehen dabei selbst ständig unter dem Druck, diese „Normalität“ aufrechterhalten zu müssen. Wir hinterfragen bestehende gesellschaftliche Strukturen kritisch und wollen zum Dialog anregen.

Nicht zuletzt der aktuelle rechts-konservative Rollback rund um AfD, LEGIDA/PEGIDA und sog. Besorgte Eltern bzw. die „Demo für Alle“ fordert ein aktives Zeichen jeder einzelnen Person gegen Homo-, Bi-, Trans*- und Interfeindlichkeit in Leipzig und überall. Es reicht nicht aus, jene Positionen als diskriminierend oder menschenverachtend zu enttarnen, sondern es benötigt ein breites gesellschaftliches Netzwerk, welches sich klar und deutlich gegen Homo-, Bi-, Trans*- und Interfeindlichkeit sowie andere gesellschaftliche Machtverhältnisse ausspricht und für ein gleichberechtigtes Leben aller eintritt. Dazu benötigt es Allianzen verschiedener marginalisierter Gruppen, die sich solidarisch unterstützen. Es geht um das Recht aller – ohne Angst – verschieden sein zu dürfen und ein selbstbestimmtes Leben führen zu können.

Was wir wollen               

  • Wir fordern, dass sich jeder Mensch, unabhängig von Geschlecht und sexueller Orientierung, frei und sicher in Leipzig und anderswo bewegen kann. Niemand sollte körperliche, seelische, verbale und/oder strukturelle Gewalt zu befürchten haben!
  • Wir fordern Gleichwertigkeit und volle gesellschaftliche Anerkennung geschlechtlicher und sexueller Identitäten und Körperlichkeiten wie Intergeschlechtlichkeit, Transidentität, Homo-, Bi- und Asexualität!
  • Wir fordern, die Sichtbarkeit und politische Interessensvertretung asexueller Menschen b!
  • Wir fordern ein Verbot sog. Konversionstherapien oder ähnlicher Versuche der psychischen Beeinflussung von sexuellen Orientierungen und Geschlechtsidentitäten, wie sie auch in Sachsen stattfinden!
  • Wir fordern die Abschaffung des Transsexuellengesetzes (TSG) und die Einführung eines Selbstbestimmungsgesetzes im Zuge der gesetzlichen Erweiterung des § 22 PstG um die „Dritte Option“!
  • Wir fordern die Anerkennung von selbstbestimmter Sexarbeit und Sexualbegleitung als gleichberechtigte Arbeitsbereiche sowie deren Entstigmatisierung! Gleichzeitig verurteilen wir aufs Schärfste Zwangsprostitution und Menschenhandel und fordern eine selbstbestimmte Sexualität für alle Menschen.
  • Wir fordern die Anerkennung der besonderen Schutzbedürftigkeit von LSBTIAQ* Geflüchteten!
  • Wir fordern die Sichtbarmachung und Anerkennung von Menschen, die sich nicht in die vorherrschenden Geschlechterrollen einordnen wollen bzw. können!
  • Wir fordern, dass Inter- und Transgeschlechtlichkeit nicht mehr als Krankheiten angesehen werden!
  • Wir fordern, dass medizinisch nicht notwendige Eingriffe an Inter*-Menschen ausschließlich im Einverständnis mit den Personen und nach umfassender Information der Betreffenden über den Eingriff vorgenommen werden!
  • Homo-, Bi-, Trans*- und Interfeindlichkeit können außerdem nicht losgelöst von anderen Ungleichheiten betrachtet und schon gar nicht verändert werden! Wir kritisieren ebenso weitere gesellschaftliche Machtverhältnisse, wie sie sich z.B. in Sexismus, Rassismus, Antisemitismus, Klassismus, Lookismus und Feindlichkeit gegenüber Menschen mit Beeinträchtigungen ausdrücken! Die Emanzipation einer Gruppe kann und darf nicht auf Kosten anderer erfolgen! Wir solidarisieren uns mit den Kämpfen anderer marginalisierter Gruppen!

Der IDAHIT* ist ein Projekt des RosaLinde Leipzig e.V mit finanzieller Unterstützung der Stadt Leipzig und dem Referat für Gleichstellung und Lebensweisenpolitik des Student_innenrates der Universität Leipzig.

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